Die wirklichen Feinheiten eines fremden Landes oder einer fremden Stadt lernt man erst kennen, wenn man eine längere Weile dort gelebt. Eine Sache ist mir bereits am ersten Tag aufgefallen und trotzdem kann ich mich bis heute nicht daran gewöhnen: In Tschechien ist es meist ungefährlicher irgendwo über die Straße zu laufen, als über den Zebrastreifen. Die hierfür im Tschechischen verwendete, recht farblose Bezeichnung přechod (Übergang), weißt - im Gegensatz zu dem bei uns geläufigen Fußgängerüberweg - schon recht deutlich daraufhin, dass ein Fußgänger hier eigentlich nichts zu suchen hat. Der gemeine czechische Autofahrer scheint die für ihn vertikal und parallel über die Straße verlaufenden weißen Streifen für so eine Art Beschleunigszone zu halten. Jedenfalls gibt er von dem Moment, wo ihm diesselbigen vor der Karosse erscheinen, tüchtig Gas bis er sie endlich hinter sich weiß. Für einen durchschnittlichen westmitteleuropäischen Fußgänger wird das Überqueren der Straße hier zu einer schier unberechenbaren Aufgabe, da die auf konstanter Geschwindigkeit der anderen Verkehrsteilnehmer beruhenden Erwartungswerte außer Kraft gesetzt sind. Wehe dem, der es wagt einfach loszulaufen ohne vorher alle Autos vorbeizulassen. Wehe dem, der hier einfach aus purer Gewohnheit auf Straße rennt...
akberlin - 20. Dezember, 17:30