Dieser Eintrag sei gewidmet:
Enrico „Enno“ Zinn, dem Friedensfahrer
Sowie seinen unvergessenen Erfolgen:
Radprofi, dreifacher Sieger von Großwaltersdorf und Sieger im Sprintduell gegen Erik Zabel um eine Punktwertung bei den Versatel-Classics in Dortmund im August 2000
Nun ist es passiert! Ich bin endgültig zu dem geworden, wovor Herr Freese immer gewarnt hat: Ein VOLKSSPORTLER. Ich habe mir eine große LUFTPUMPE gekauft, zwei richtig schicke Trinkflaschen und eine RADWANDERKARTE vom Südosten Prags (in Richtung Plzeň). Und ich jetzt nur noch hoffen, dass BESSERES WETTER wird...
akberlin - 7. Oktober, 10:00
…genau, erst jetzt ging ich den Weg, den ich hätte von Anfang gehen sollen: den Weg des geringsten Widerstandes – anstatt vom ersten Tag wie ein richtiger Student alles über eine ominöse Chipkarte kostenlos haben zu wollen (es wäre zu schön gewesen) – ins Internet übers WLAN, aufn USB den Antrag, ab ins Kopiercenter. Glückliches Ende? Keine Chance: im Kopiercenter musste ich dann mit ansehen, wie mein tragbares Laufwerk auf KEINEM der Computer erkannt wurde. Den Vorschlag des Mitarbeiters einfach zurück in die Universität zu gehen und den Antrag doch einfach per E-Mail zu schicken konnte ich nur mit einem müden Lächeln quittieren. Letztendlich haben wir den Antrag dann bei der Vermieterin einer amerikanischen
Kommolitonin Kommulitonin Kommalitonin also Mitstudierenden, die ganz um die Ecke wohnte, gedruckt. Nach Papierstau, Neuformatierung des Dokuments unter tschechischem Word und so weiter (konnte mich ja alles nicht mehr schocken) hatte ich 16:03 Uhr wirklich meinen Antrag in der Hand. Nur zu dumm, dass das Büro mittwochs schon um 16 Uhr schloss, Donnerstag ein Feiertag und Freitag somit ein Brückentag war und dann gleich Wochenende…
FAZIT
Letztlich habe ich habe ganze sechs Tage gebraucht bis ich dieses Formular ausgedruckt, abgestempelt und weggefaxt hatte. EIN Formular, SECHS Tage – nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich daran denke, dass ich mich noch bei der Polizei, der Krankenkasse und der Bank anmelden muss…
akberlin - 5. Oktober, 10:00
Wer denkt, dass der Rest von hier an ein Spaziergang war, der täuscht sich. Im Computerraum des Verwaltungsgebäudes stellte sich dann ziemlich bald heraus, dass der Zettel mit meinen Zugangsdaten, meine Chipkartennummer und das was der Computer von mir wissen wollte nicht dasselbe waren. Gott sei dank ist der das-was-du-machen-willst-geht-nicht-du-Idiot-Bing bei Windows unabhängig von der Sprache des Betriebssystem doch recht eindeutig, so dass ich ziemlich bald zu dem Schluss kam hier nur meine Zeit zu verschwenden. Vertrauensvoll wandte ich mich an den Koordinator von Erasmus, der glücklicherweise im selben Haus sitzt, übrigens derselbe Mann mit dem ich damals telefoniert hatte. Nach zehnminütigen herumtelefonieren teilte er mir dann folgendes mit:
The people, which gave you the passwords don't know what they are good for. But they try to figure it out. They will call me and i will write a mail to you then. Allright?
Ja alles klar, ne E-Mail... Schon mal was vom Henne-Ei-Problem gehört? Um aus diesem Teufelskreis zu befreien, blieb nur noch ein Weg übrig…
akberlin - 4. Oktober, 10:00
Neuer Tag, neues Glück. Mittwoch war der Tag an dem meine neue Chipkarte nun endlich erstmalig zum Einsatz kommen sollte. Gleich nach der Fakultätsführung, die um 10:00 Uhr früh angesetzt war, würde ich meine Monatskarte holen, mein Druckerkonto aufladen, mein Formular absegnen und abschicken lassen und um die erste Rate der 600 €, sprich die Hälfte, reicher sein! Die Führung stellte sich ziemlich bald als Farce heraus, denn sie dauerte ungefähr 2 Minuten:
„Hello everybody, this is the building of the faculty. Here are some provisorial timetables, that you can take with you. You can go around the building, if you want to. For further questions you will find me in my office in room 201.“
Da die meisten von uns am Vortag recht lange im Face-2-Face Klub auf der Nation-2-Nation Party gewesen sind, war die Stimmung um 10:02 verständlicherweise so ziemlich auf den Tiefpunkt gesunken. Mir konnte das meine Euphorie über den Besitz eines voll funktionstüchtigen Studentenausweises in Chipkartenform mit integrierten Internetzugang und Druckerkonto bei gleichzeitiger Datenbanksynchronität allerdings nicht verderben und so machten wir uns dann auf in die zentrale U-Bahnstation um unser Monatsticket zu kaufen. Leider hatten diese Idee auch noch ein paar andere Studenten vor uns, deren Einführung noch kürzer gewesen sein muss, so dass wir uns wieder mal in eine Schlange einreihten. Doch auch die Angestellte an den Schaltern der BVG ähh PID ließ sich nicht davon desorientieren, denn als die Uhr langsam aber sicher auf 11:30 vorrückte, legte sie erstmal eine halbe Stunde Mittagspause ein. Irgendwann kurz vor 13 Uhr hatte ich dann endlich mein Monatsticket und nun konnte sogar zur Verwaltung fahren, um mir dort endlich mein Formular auszudrucken.
akberlin - 3. Oktober, 10:00
Fünfhundert Jahre deutsch-österreichische Herrschaft in Böhmen haben deutlich ihre Spuren hinterlassen: Die Tschechen verstehen sich nahezu perfekt auf das Spiel namens Bürokratie. Und nicht nur das. Nein, im Zusammenspiel mit der Einführung neuer technischer zumeist elektronisch-virtueller Hilfsmittel wird daraus ein Tage füllendes Ereignis grotesker Ausmaße. Folgend ein Auszug meiner letzten Woche:
Alles begann damit, dass ich vergessen hatte das Formular zur Bestätigung der Aufnahme des Teilstudiums an der Gasthochschule noch zu Hause auszudrucken. Da dieses Formular ausgefüllt, abgestempelt und abgeschickt fast 600 € wert ist, wollte ich dies natürlich so schnell wie möglich nachholen. Bei der Veranstaltung am Dienstag sollten wir zusammen mit unserer Registrierung auch einen Internetzugang inklusive Druckerkonto erhalten, so dass ich relativ zuversichtlich war dies so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Gleich früh 8:30 Uhr in der ersten Gruppe, die komplett aus Deutschen bestand – ja, denn hier weiß man unsere Tugenden noch zu schätzen – war ich eingeteilt wurden, um das zu erhalten, was den Studenten zum Studenten macht: einen Ausweis. Jedoch war diese wunderschöne Chipkarte selbstverständlich an eine Datenbank geknüpft, die gleichzeitig auf eine mir unverständliche, mysteriöse Weise mit dem Computersystem der Fakultät als auch der Datenbank des Prager integrierten Verkehrs (PID, Pražska Integrovaná Doprava) – der BVG Prags – verbunden war, die alle gleichsam nur über Nacht aktualisiert werden. Will sagen: Nach der völlig sinnlosen Einführung am Montag, wo wir im typisch slawischen Stil mit Informationen der Art „Wir wissen nichts genau, aber wir haben gehört, dass …, jedenfalls geben wir euch dann spätestens nächste Woche noch mal genauer Bescheid“ versorgt wurden, war ich zwar am Dienstag nach nur drei Stunden Registrierung (= Warten) stolzer Besitzer einer funktionalen Chipkarte von der ich nach 10 Semestern Studium an den Berliner Eliteuniversitäten nicht mal zu träumen gewagt hätte, jedoch war diese nicht vor Mittwoch einsatzfähig!
akberlin - 2. Oktober, 10:00
Neues Programm, neue Wandertage. Und wohin? Zu einer Burg! Nein, nicht nur, denn, natürlich, diesmal ist es - wie eigentlich immer - die schönste Burg Tschechiens. Doch meine Ironie war hier wirklich fehl am Platz! Es war wirklich einer der idyllischsten Orte, die ich je gesehen habe...
Mü meinte, es gibt zwei Dinge, an denen man erkennen kann, dass man alt wird:
1. Du gehst ins Bett, wenn du müde bist!
2. Du merkst, dass du kein Auto mehr brauchst!
(A. Müller, 28.09.06)
Dem kann man getrost noch einen dritten Punkt hinzufügen.
3. Irgendwie findet man Natur geil! (Ja, geil ist hierfür das richtige Wort.)
Český Sternberk - irgendwo im nirgendwo Südostböhmens. Mit dem Vorortzug raus aus Prag und dann in einen noch kleineren und langsameren Zug umsteigen. Aus den Bahnhöfen werden Bahnsteige, aus den Bahnsteigen werden Wartehäuschen, erst aus Stein, dann aus Holz, zuletzt weißt nur noch ein Schild an der Schiene aus, dass hier ein Zug hält. Über eine Stunde immer, einspurig, an einem Füßchen entlang, durch eine seichte Hügellandschaft (möglicherweise die Ausläufer der tschechisch-mährischen), die nicht annäherend die Bezeichnung Mittelgebirge verdient. Wilde Felsvorsprünge, frühherbstlicher Wald, dunkle Tunnel und plötzlich bricht das Tageslicht hinein in den im Dämmerlicht dahinzuckelnden Zug und die Bäume geben den Blick frei auf eine Burg, die hoch über dem Dörfchen trohnt...

akberlin - 30. September, 10:00
(Plzeň, PND) – Pilsen, die Augen der gesamten Republik waren gestern auf diese Stadt gerichtet, als einer ihrer größten Söhne seinen Ausstand aus dem harten Alltag des Berufsradsport gab. Auf einer kleinen Runde unweit des Vereinshauses des Polizeisportklub Rapid Plzeň gab sich aus diesem Grund die Creme de la Creme des tschechischen, deutschen und österreichischen Radsports ein Stelldichein. Vor den Vertretern von Presse, Funk und Fernsehen konnte Lubor Tesař so ein letztes mal Glänzen und selbst den frischgebackenen Weltmeister Gerald Ciolek auf die Plätze verweisen…
Auch der mehrfache deutsche Bahnmeister Andreas Müller (26, KED-Bianchi Team Berlin, im Bild) erwies dem Pilsner die letzte Ehre. Trotz harten Kampfes unter den kritischen Augen der fachkundigen Öffentlichkeit, musste er sich hier mit einem der hinteren Platz begnügen. Dies scheint jedoch den Gerüchten, welche von einem Wechsel des sympathischen Berliners zum Polizeisportklub Rapid sprechen, nicht entgegenzustehen. Aus gut informierten Kreisen verlautete es, dass der Vertrag bereits unterschrieben sei und beide Seiten nur noch über die Ablöseformalitäten verhandeln. Dem p-log ging dazu ein Foto von unerkannt bleiben wollenden Personen ein, welches Müller auf dem Pilsner Trainingsgelände beim Verlassen seines neuen Teamautos zeigt.
Gegenüber dem p-log wollte der 26jährige diese Gerüchte weder dementieren noch bestätigen. „Das hat gar nichts zu bedeuten“, so Müller, der von seinen Freunden liebevoll Andy genannt wird, „im Radsport hilft halt jeder jedem.“ Plzeň, welches an diesem Tag ein großes Talent verloren hat, könnte somit im gleichen Atemzug ein neues gewonnen haben!
akberlin - 29. September, 20:18
Ich komm hier wirklich zu nichts. Ich bin den ganzen Tag nur am Tun und Machen! Drei Tage lang durfte ich mich mit der tschechischen Bürokratie rumschlagen ein echtes - und zeitraubendes - Highlight. Heute ist plötzlich auch noch Feiertag, da machen die gemütlichen Czechen erstmal gar nichts. Und dann wurde ich auch noch nach Plzen beordert zum Abschiedsrennen von Lubor Tesar. Ich sag ja ich komme zu nichts, also ich muß los...
akberlin - 28. September, 11:54